Mineralölfreier ADVENTKALENDER.18.Dezember: KARL KRAUS WEIHNACHT

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Karl Kraus
Weihnacht

Als ich am heiligen Abend mit einem Freunde reiste, um der Stimmung zu entgehen, zu der uns die Stimmung fehlte, erkannte ich, wie sich das Bild der Welt verändert hat, seitdem ihr die Stimmung vorgeschrieben ist. Drei Handlungsreisende, die in der dritten Wagenklasse nicht mehr Platz gefunden hatten, drangen in unser Coupé und begannen sofort von Geschäften zu sprechen. Sie sprachen aber in einem Ton, der etwa den Ernst jenes Lebens offenbarte, aus dem die Anekdoten ihren Humor schöpfen. Wir räumten das Feld, und nachdem wir eine Weile von draußen einem Kartenspiel hatten zusehen müssen, bekamen wir Plätze in der ersten Klasse angewiesen. Dort erkannte ich die Bedeutung dieses Abenteuers in dieser Nacht. Wer ohne Abschied von Gott den Zug bestiegen hat, wird ihn als guter Christ verlassen. Er ist bekehrt, er sehnt sich wieder nach dem Duft von Harz und Wachs und Familie. Ihm, nur ihm wurden solch heilige drei Könige gesendet … So hätten auch wir unsere Weihnacht erlebt, wenn nicht die Stimmung, der wir uns also ergeben mußten, durch eben jene wieder gestört worden wäre. Denn sie drangen nun auch in die erste Klasse und verlangten Genugtuung, weil sie vermuten zu können glaubten, daß wir uns über ihr morgenländisches Betragen beim Schaffner beschwert hätten. Sie sagten stolz, sie seien Kaufleute. Sie zogen die Stiefel aus und spielten Tarock. Sie borgten sich die Ehre von Gott in der Höhe, nahmen den Frieden von der Erde und waren den Menschen kein Wohlgefallen. Wir aber, die den Weihnachtstraum wieder entschwinden sahen, beugten uns vor der Übermacht der Religion, für die sie reisten … Wer vermöchte sich ihr zu entziehen? Sie drang aus der dritten empor in die zweite Klasse und sie übt Vergeltung bis in die erste Klasse. Im Diesseits und im Jenseits gewinnt sie um geringern Lohn den bessern Platz. Sie läßt das Leben nicht zur Ruhe kommen und in der Kunst erreicht sie es mühelos, daß man ihr die bequeme Geltung einräumt. Sie ist da, und man flüchtet auf den Korridor. Zieht man sich dann aber in die Unsterblichkeit zurück, so verschafft sie sich auch dort Einlaß. Sie ist da und dort. Vor der Allgewalt des Geschäftsreisenden ist in der Welt des heiligen Geistes kein Entrinnen.

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Über GÜNTER VERDIN


Günter Verdin wurde in Wien geboren. Nach der Matura (Abitur) nahm er Schauspielunterricht bei Dorothea Neff und Horst Coblenzer (Max-Reinhardt-Seminar). Es folgten eine Mitarbeit bei Ö3 sowie erste Fernsehauftritte (Der Jäger von Fall, ORF, siehe You Tube). Verdin war vier Jahre Schauspieler am Salzburger Landestheater (Rollen u. a. als Jimmy in Der Regenmacher); später dann Regisseur in Stuttgart u. a. bei Play Strindberg von Friedrich Dürrenmatt und am Renitenztheater (z. B. Hast du schon die Leiter bestiegen, Emil und Einer flog übers Grundgesetz) und Theaterkritiker bei den „Stuttgarter Nachrichten“ und den „Salzburger Nachrichten“

WER HAT UNSER HAUS GESTOHLEN? Ein verzwickter Krimi!

Ein ziemlich verzwickter Krimi von Günter Verdin

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„Jeder Grieche“, sagte Vater Hans vergnügt, „ muss einmal in seinem Leben ein Olivenbäumchen gepflanzt, ein Buch gelesen und ein Hotel gebaut haben. „ Die Familie Steinberger hatte den Sommerurlaub auf der griechischen Insel Zakynthos verbracht, und auf dieser Insel gibt es tatsächlich sehr viele Hotels, auch viele Hotelrohbauten, die wegen der Überschuldung der Besitzer nicht fertiggebaut werden können, weiters viele Olivenbäume und wenig Buchhandlungen.“ Wenigstens wurde unser Auto nicht gestohlen! seufzte Mama Maria. „ Der Parkplatz am Flughafen ist doch bewacht, „ meinte Papa, du liest einfach zu viele Kriminalromane! „
Im – übrigens zitronengelben – Auto schwirrten die Stimmen durcheinander, wie das so ist, wenn man vom Urlaub nach Hause kommt und der Abschiedsschmerz, der sonnigen Insel gilt, noch die Wiedersehensfreude auf zu Hause überdeckt.
„ Ich habe mir selbst drei Ansichtskarten geschrieben“ quäkte der siebenjährige Toni aus dem Fonds des Autos, „es müssten also mindestens vierzehn Karten für mich im Postkasten sein, wenn alle meine Freunde auch wirklich geschrieben haben. „ Die fünfjährige Sonja erzählte ihrer Puppe: „ Heute werden wir zum ersten Mal in unserem neuen Haus übernachten. Da gibt es noch keinen Strom und auch kein Wasser, aber dafür ist es ganz nah am Waldstrand.“
„ Eine Menge Arbeit wartet noch auf uns, seufzte Mama Maria. Sieh das doch einmal von der positiven Seite, „ meinte der Vater, „was haben wir nicht alles schon geschafft: das Haus steht, und wir haben es selbst gebaut und damit eine Menge Geld gespart. Als nächstes werde ich mir die Heizungs- und Elektro-Bausätze vornehmen. Die Systeme sind ja jetzt schon ausgereift, dass das auch nicht so schwer werden wird.“
„Wollen wir heute nicht lieber doch noch in der Stadtwohnung übernachten?“fragte Mama Maria skeptisch . Starker Protest meldete sich vom Fahrersitz und aus dem Wagenfonds. „In einem Monat wollen wir umziehen,“sagte Papa, „höchste Zeit, dass wir uns an unser neues Zuhause gewöhnen.“ „Ich werde mich nie daran gewöhnen“, murmelte Mama verzagt, „eine halbe Stunde ins Dorf zum Einkaufen…..“
„Oh teure Heimat“ sang Toni, immer einen Halbton neben der richtigen Melodie. Und Sonja schmetterte dagegen: „In die Berg` bin i gern“. Da stimmte Vater übermütig „Hoch auf dem zitronengelben Wagen“ an. Nur Mama Maria wackelte besonnen mit dem Kopf: „Gib acht, Hans, hier kommt die Abzweigung.“
Das zitronengelbe Auto bog nun in die Landstraße ein, die direkt durch das Dorf führte. Jetzt klopfte doch allen das Herz ein wenig höher. Der Wagen näherte sich dem Waldrand. Vater Hans stieg auf die Bremse. „Jetzt habe ich doch die falsche Abzweigung genommen.“ Die Straße war breit genug, um zu wenden. Also zurück ins Dorf. Von hier nochmals in Richtung Wald. Und noch einmal zurück ins Dorf. Und wieder zum Wald. „So,“ sagte Vater Hans, jetzt ist es aber Zeit, dass wir aus diesem Traum aufwachen!“
„Hans“ murmelte Mama müde, „das ist kein Traum, das ist wie im Kriminalroman: Unser Haus ist weg, es steht nicht mehr da!!!!“ Die total verwirrte Reise-Gesellschaft war inzwischen ausgestiegen. Vater Hans rieb sich die Augen: „Keine Spur von unserem Haus!“
„Doch,“ schrie Toni, schaut, der Briefkasten ist noch da, im Gras!“
Und triumphierend, als hätte die Welt jetzt keine anderen Sorgen, hielt Toni genau vierzehn Ansichtskarten in der Hand ….(Fortsetzung folgt)

II
Was bisher geschah: Die Familie Steinberger, also Mama Maria, Vater Hans, die fünfjährige Sonja und der siebenjährige Toni, kehrt vom Urlaub auf der griechischen Insel Zakynthos zurück. Vom Flughafen fahren sie im zitronengelben Wagen schnurstracks nach Hause. Zum ersten Mal wollen die Steinbergers im neuen Haus am Waldrand übernachten. Doch es ist wie in einem Kriminalroman: vom schönen Fertighaus ist nur mehr der Briefkasten da. Hier nun die Fortsetzung:

Während Toni sich über die vierzehn Ansichtskarten nicht mehr so recht freuen konnte, während die kleine Sonja ihrer Puppe zuflüsterte, sie dürfe jetzt auf keinen Fall lachen, musterte Mama Maria den unerwartet leeren Schauplatz und wirkte in ihrem Bestrebungen, Ordnung in die Angelegenheit zu bringen, ein wenig hilflos. Sie nahm aus dem Briefkasten die zahlreichen Werbezettel – man kann nicht nah genug am Waldrand wohnen, die Werbung erreicht einem überall, dachte sie -, hob sorgfältig einen zerknüllten Zettel auf und streckte, da weit und breit noch keine Papiertonne zu sehen war, alles in einen Plastiksack. Vater Hans hatte inzwischen per Handy den Dorfgendarm herbeitelefoniert.
„So so“ sagte der mit schlauem Gesichtsausdruck, „Sie vermissen also ein Haus. Und das Haus ist einfach spurlos verschwunden? Wahrscheinlich hat es nur einen Ausflug gemacht, haha! Wissen Sie was, mein lieber Herr, Sie kommen jetzt mit auf die Wachstube. Vielleicht haben Sie ja auch nur ein bisschen zu viel getrunken.“
Vater Hans fand diese Unterstellung ziemlich empörend, aber sein Protest verhallte unerhört. Immerhin durfte Familie Steinberger, zum ersten Mal und völlig unschuldig mit der Polizei im Konflikt, im eigenen zitronengelben Wagen ins Dorf hinunterfahren, Mama am Lenkrad, weil ihr der Gendarm höflicherweise überhöhten Alkoholkonsum nicht zutraute.
Nachdem sich der wackere Gendarm per Alkotest überzeugt hatte, dass Papa Hans völlig nüchtern, man könnte auch sagen total ernüchtert war, nahm er die Anzeige doch zu Protokoll, nicht ohne immer wieder den Kopf zu schütteln, in dem die gesammelte Erfahrung sich gegen das spurlose Verschwinden von Häusern sperrte.
Wieder auf der Dorf-Hauptstraße begann Mama ihr kriminalistisches Wissen aus häufiger Romanlektüre in die Praxis umzusetzen.
Der Bäckermeister stand vor seinem Laden: „Haben Sie nicht : „Haben Sie nicht unser Haus gesehen?“ fragte Mama und erklärte ihm die schwierige Situation. „Ihr Haus? Am Waldrand? Da stand ein Haus? Sind Sie sicher? Also lange kann es da nicht gestanden haben. Wir hatten jetzt vier Wochen Betriebsferien. Vorher stand es jedenfalls nicht da!“ Na gut, dachte sich Mama Maria, es gibt ja auch noch den Fleischhauer im Dorf….
„Warten Sie einmal,“ sagte der Bäckermeister plötzlich, „meine Frau hat mir da vor ein paar Tagen eine seltsame Geschichte erzählt.“

III
Was bisher geschah: Die Familie Steinberger, also Mama Maria, Vater Hans, die fünfjährige Sonja und der siebenjährige Toni, kehrt vom Urlaub zurück. Zum ersten Mal wollen die Steinbergers im neuen Haus am Waldrand übernachten. Doch es ist wie in einem Kriminalroman: vom schönen Fertigbauhaus ist nur mehr der Briefkasten da. Der Bäckermeister im Dorf erinnert sich an die seltsame Geschichte, die ihm seine Frau berichtet hat:

„Meine Frau“ erzählt der Bäckermeister, „ war vor einigen Tagen mit dem Fahrrad auf der Landstraße unterwegs, als ihr ein ungemein breiter Tieflader entgegenkam. Und auf diesem Tieflader stand ein Haus. Wir haben erst unlängst ein Foto aus Amerika gesehen, wo solche Häuser, wenn sie beim Straßenbau im Wege stehen, einfach aufgeladen und kilometerweit versetzt werden. Trotzdem erkundigte sich meine Frau beim Fahrer dieses Schwertransports. Der war relativ einsilbig und sagte nur etwas von einer Sendung mit der versteckten Kamera, und dass er nicht mehr verraten dürfe.“
„Von wegen: versteckte Kamera!“ Papa japste nach Luft. Das sind Profigauner. Die haben unser Haus abtransportiert, um es irgendwo an einem geheimen Ort in seine Einzelteile zu zerlegen und weiterzuverkaufen.“
„Oder“, kombinierte Mama detektivisch schlau, „sie verkaufen es als ganzes Haus, laden es irgendwo ab. So schnell kommt man zu einem Fertighaus!“
„Logisch“, sagte Papa, „dann müssen wir ja nur in der nächsten und weiteren Umgebung nach unserem Haus suchen.“
„Nicht ganz einfach“, meinte Mama nüchtern, „ein Haus zu suchen, das so aussieht wie tausend andere Fertighäuser mit Selbstbausystem auch!“
„Bis auf die zitronengelbeFarbe“, warf Papa ein. „Und du hast immer über meine Lieblingsfarbe gemekert.“Toni und Sonja bewunderten mit aufgerissenen Mündern ihre schlauen Eltern.
„Ich glaube, ich habe da eine heiße Spur“ sagte Mama bedeutungsvoll.
„Ich habe nämlich vorhin einen Zettel von der Wiese aufgehoben.“ Sie holte das zerknitterte Blatt hervor und glättete es. Auf der Rückseite standen ein paar Kugelschreiber-Notizen, die es vielleicht später noch zu entziffern galt. Vorne aber war Werbung aufgedruckt. Mama Maria las laut vor: „Haben Sie Umzugsprobleme? Wir versetzen für Sie sogar Häuser! Transporte Maier.“ Ein Anruf bei der angegebenen Nummer ergab freilich nur, dass die Firma selbst Opfer eines Diebstahls geworden war: ein überbreiter Tieflader war nämlich vor drei Tagen von unbekannten Tätern gestohlen worden.“
„Vor drei Tagen“, kombinierte Mama messerscharf, „weit können die Diebe also nicht gekommen sein. Auf, wir fahren jetzt in die Stadt!“ Eine hingekritzelte Telefonnummer auf der Rückseite der Anzeige von „Transporte Maier“ hatte Mamas ganz besonderes Interesse geweckt.
„Nein, nein,“ so sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung, „ wir sind noch gar nicht in das Haus eingezogen. Ja, es ist neu….Ja, wir haben mit den Verkäufern ausgemacht, dass dieses schreckliche Zitronengelb überstrichen wird…. Stellen Sie sich vor, ein fertiges Haus, ehrlich gesagt kam uns der Preis extrem günstig vor, nur 100.000 Schilling. Nein, wir haben noch nicht bezahlt, wir wollten einen Tag Probewohnen. Ja, heute wollen sich der Verkäufer wegen des Geldes bei uns melden…..“
„Liebe Elisabeth“, schreibt Toni auf die nun elfte Postkarte, „ich muss dir noch schnell erzählen, wie die Sache ausgegangen ist. Die Diebe wurden von der Polizei in Empfang genommen, als sie das Geld abholen wollten. Und als erstes wurden sie dazu verdonnert, unser Haus dorthin zu transportieren, wo sie es gestohlen hatten.“Sonja singt ihrer Puppe leise ein Wiegenlied. Mama nimmt eine Liebesgeschichte zur Hand,
.“
von Kriminalroman hat sie fürs erste genug. Und Papa sagt: „Jetzt erst sind wir richtig zu Hause.“
Er schließt sorgfältig die Eingangstüre des wunderschönen, einzigartigen, weil zitronengelben Hauses am Waldrand ab und denkt, während er den Schlüssel umdreht, dass die Gangster jetzt wohl hinter Schloss und Riegel sitzen werden…….

Stellt euch vor:
Diebe stahlen wirklich ein ganzes Haus!

ZEITUNGSMELDUNG:
Cottbus (AP) Bei einem Einbruch im brandenburgischen Briesen haben Diebe gleich ein ganzes Haus mitgenommen. Die Täter stahlen das amerikanische Fertigteilhaus aus einer Lagerhalle, wie ein Sprecher der Cottbuser Polizei mitteilte. Der Besitzer, ein Fertigteilhaushändler, sei zuletzt im Juli in der Halle gewesen und habe den Diebstahl erst jetzt bemerkt. Das Haus hat einen Wert von rund 300.000 DM. Wie die Einbrecher ihr geräumiges Diebsgut abtransportierten, ist unklar.